Konferenz für Weltmission und Evangelisation


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Ein geschützter Ort für tiefgreifender Konflikte

Weltmissionskonferenz in Athen:
Ein geschützter Ort für tiefgreifender Konflikte



Pastorin Ruth A. Bottoms, Baptistenunion von Großbritannien spricht zum ÖRK-Zentralausschuß
hochauflösendes Foto

von Hugh McCullum (*)

Ruth Bottoms wird es vermissen, ihre Kühe zu melken und ihre Hühner zu füttern, wenn sie auf dem Stuhl der Vorsitzenden der Konferenz für Weltmission und Evangelisation (9. - 16. Mai 2005 in Athen) sitzen und versucht, für einen ausgewogenen Meinungsaustausch unter den fast 500 Teilnehmenden aus nahezu allen christlichen Traditionen zu sorgen.

Anfang Mai verläßt die britische Baptistin ihre ländliche Gemeinde Pilsdon im abseits gelegenen Dorset - drei "Schnellzugstunden" von London entfernten - und taucht in die mediterrane Atmosphäre des Agios-Andreas-Zentrums ein, das 30 km nordöstlich des dicht bevölkerten griechischen Metropole Athen liegt.

Wenn Ruth Bottoms den Sprung vom ländlichen ins städtische Milieu macht, von ihrer Rolle in einer christlichen Lebensgemeinschaft zu der einer Kirchenbürokratin, von einer Seelsorgerin zur theologischen Analytikerin, und wenn sie sich dann bemüht, ein Gleichgewicht zwischen diesen Kontrasten herzustellen, verläßt sie sich dabei auf ihr inneres Gespür für die tiefe Notwendigkeit einer "versöhnten Gemeinschaft".

Ruth Bottoms ist seit 16 Jahren baptistische Pastorin, die letzten zehn Jahre davon in einer ökumenischen Gemeinde, und hat das Leben der Baptistenunion von Großbritannien in leitenden Funktionen mitgestaltet. Seit 1991 engagiert sie sich außerdem im Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) und ist seit der Vollversammlung 1998 in Harare Mitglied des ÖRK-Zentralausschusses und Vorsitzende der Kommission für Weltmission und Evangelisation.

"Ich kenne die Kirchenbürokratie, die institutionelle Arbeit und das Leben auf nationaler und internationaler Ebene. Doch irgendwann habe ich plötzlich die Sehnsucht verspürt, ein größeres Gleichgewicht in mein Leben einkehren zu lassen, zu dem Außenseiter-Jesus zurückzukehren." Diese Sehnsucht führte sie nach Pilsdon, wo sie vor einem Jahr Mitglied der 46 Jahre alten Gemeinschaft wurde.

Eine Gemeinschaft des Teilens

In Pilsdon gibt es keine Gelübde und nur wenige Regeln; die wichtigste lautet "kein Alkohol und keine rezeptfreien Drogen". Neben den Mitgliedern leben dort Gäste aus allen Lebensbereichen, die sich meistens in einer Lebenskrise befinden. Sie fühlen sich heimatlos, haben einen Zusammenbruch erlitten oder sind irgendeiner Form von Sucht verfallen. Sie werden von Pfarrern, Ärzten oder Bewährungshelfern nach Pilsdon geschickt und bleiben mehrere Jahre dort, um Zeit zu haben, ihr Leben wieder "in Ordnung" zu bringen.

Die Gemeinschaft, die von Anglikanern in einem Herrenhaus aus dem 17. Jahrhundert gegründet wurde, ist heute eine ökumenische Gemeinschaft. Sie betreibt Viehzucht in kleinem Stil und verfügt über einen großen Gemüsegarten, der von den Gästen mit bewirtschaftet wird. "Und jeder muss mithelfen, den Kuhstall auszumisten, in dem die Kühe dem Winter verbringen."

Ruth Bottoms ist eines von gegenwärtig fünf dauerhaften Mitgliedern, die ehrenamtlich arbeiten und ein "reiches geistliches Leben" mit der Gemeinschaft teilen. Vier Mal am Tag finden Andachten mit Abendmahlsfeier statt, wobei die Teilnahme freiwillig ist. Jeder übernimmt bestimmte Aufgaben, und die Mitglieder gehen mit gutem Beispiel voran, indem sie die Toiletten sauber machen.

"Ich habe das Gefühl, dass die akademischen Papiere der Missionskonferenz für mich hier in Dorset mit Leben erfüllt werden", sagt Ruth Bottoms.

Sie setzt sich dafür ein, durch konkrete Erfahrungen eine Verbindung zwischen den akademisch-theologischen Vorbereitungspapieren der Weltmissionskonferenz in Athen und dem Ausmisten des Kuhstalls in Pilsdon herzustellen. "Die Vorbereitungspapiere sind in den meisten Fällen sehr akademisch, aber hinter ihnen verbergen sich wahre Geschichten."

Die Vielfalt zusammenführen

Da in Athen so viele unterschiedliche christliche Traditionen vertreten sind, wie noch nie zuvor - von römischen Katholiken über Orthodoxe und Protestanten bis hin zu Evangelikalen, Pfingstlern und Charismatikern -, werden Fragen gestellt werden, die zweifellos beträchtliche Kontroversen auslösen können.

"Es wird ein breites Spektrum von Meinungen zu Theologie und Mission, Heilung und Versöhnung geben. Die Situation wird vielleicht sehr angespannt sein. Stellen Sie sich nur einmal vor, welche Konflikte beispielsweise die Frage des Proselytismus (Neubekehrung von Christen aus anderen Konfessionen) auslösen kann", sagt Ruth Bottoms. Doch sie glaubt trotzdem, dass es mit Hilfe eindringlicher Appelle zu Versöhnung und Heilung möglich sein wird, die Vielfalt miteinander zu versöhnen.

"Die Konferenz soll ein geschützter Ort sein, an dem tiefgreifende Unterschiede untersucht werden können. Das Zeugnis der Kirche in dieser ungeheuer gefährlichen und gefährdeten Welt ist gespalten. Ich hoffe, dass die Teilnehmenden offener geworden sind, wenn sie nach Hause zurückkehren, und ein stärkeres Bewusstsein dafür gewonnen haben, was sie der Welt verkünden müssen: 'Heilung und Versöhnung sind möglich.'"

Bescheidene Erwartungen

Die Hoffnung ist, dass Athen in "sehr bescheidener Weise" zur Versöhnung und Heilung der Kirchen beitragen kann. Wenn Heilung und Versöhnung mit der 'Guten Nachricht' verbunden werden, kann dadurch Versöhnung auf den Weg gebracht werden, meint Ruth Bottoms.

Dies erfordere Gerechtigkeit und Wahrheit. "Gerechtigkeit ist sehr komplex. Alle Konfliktparteien, die für den Horror in Ruanda mitverantwortlich waren, neigen dazu, sich gegenseitig zu dämonisieren. Wenn wir über 'wiedergutmachende Gerechtigkeit' reden, dann bringt uns das nicht unbedingt weiter. Aber wenn wir über 'verwandelnde Gerechtigkeit' sprechen können, ohne dabei die begangenen Greueltat zu verharmlosen, dann können die Opfer vielleicht innerlich verwandelt werden und ihr Leben neu beginnen."

Worte wie Ganzheitlichkeit und Integrität werden in Ruth Bottoms' Sprache lebendig und führen uns zurück nach Pilsdon. Die Menschen dort sind schwer traumatisiert und versuchen, sich dem zu stellen. Dabei kommt der Zeitpunkt, an dem sie keine Opfer mehr sind und ein "Leben danach" aufbauen können. "Christus war ein Opfer, als er am Kreuz hing. Doch als er auferweckt wurde, war er kein Opfer mehr."

Das schulmedizinische Gesundheitsmodell mit seiner Fixierung auf Pillen und Technologien ist zum Scheitern verurteilt. Der Stresspegel in modernen Gesellschaften ist eindeutig ungesund. Wie kann Athen dazu beitragen, ein ganzheitliches, lebenspendendes Bewusstsein von Rhythmus, Balance und rechten Beziehungen zu vermitteln, in einer Welt in der nicht alle Menschen nach Pilsdon gehen können?

"Gott hat eine gute Welt geschaffen", sagt Ruth Bottoms. "Eine Welt, an der wir uns erfreuen können. Doch wir sind frei in unseren Entscheidungen und manchmal treffen wir schlechte. Genau an dieser Stelle setzt das Thema von Athen an: 'Komm, Heiliger Geist, heile und versöhne!' Es ist nicht einfach nur ein Slogan. Wenn Heilung geschieht, wird sie vielleicht einen Raum schaffen, in dem wir zu einem Rhythmus, einer Balance und Beziehungen finden, die das Leben fördert." [995 Wörter]

(*) Der kanadische Autor und Journalist Hugh McCullum ist Mitglied der Vereinigten Kirche von Kanada. Er war Redakteur von zwei auflagenstarken kirchlichen Publikationen und Moderator einer landesweit ausgestrahlten Fernsehsendung in Kanada und hat ausserdem für einige Zeit in Simbabwe und Kenia gelebt. McCullum arbeitet seit vielen Jahren mit dem ÖRK zusammen. Zu seinen bisher veröffentlichten Büchern gehören "The angels have left us: the churches and the Rwanda genocide" und "Radical Compassion: The life and times of Archbishop Ted Scott"
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