Konferenz für Weltmission und Evangelisation


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Mission in Deutschland - Ökumenische Erfahrungen auf der Weltmissionskonferenz



Synaxis über "Gemeinsame Mission in Deutschland" mit Pastor Klaus Peter Voss und Bischof Axel Noack (rechts)

von Friedrich Degenhardt

"Mission in Ostdeutschland kann heute nur noch ökumenisch sein", sagte der Magdeburger Bischof Axel Noack, Evangelische Kirche der Kirchenprovinz Sachsen. Junge Menschen, meist ohne jegliches Vorwissen über den christlichen Glauben, hätten kein Verständnis für die Unterschiede zwischen den Konfessionen. Die Einstellung säkularer Menschen gegenüber den Kirchen sei oft eher: "Hör mir doch auf, die hauen sich nur gegenseitig die Köpfe ein."

"Mission heißt bei uns, sich auch über neue Mitglieder für andere Kirchen zu freuen", berichtet Bischof Noack von der Arbeit in seiner Landekirche. "Das ist nicht immer einfach", gibt er offen zu. "Ich liebe meine Kirche und wünsche mir natürlich neue Mitglieder für uns. Doch wenn wir Ökumene ernst nehmen, können wir nicht anders als uns auch für andere zu freuen." Er zieht aber auch klare Grenzen ökumenischer Toleranz, z.B. bei den Zeugen Jehowas: "Gottes Wort will uns frei machen, nicht knechten."

Bischof Axel Noack, einer von 25 deutschen Teilnehmerinnen und Teilnehmern an der 13. Weltmissionskonferenz, die vom 9.-16. Mai in Athen stattfand, sprach über "Gemeinsame Mission in Deutschland" in einer von über 60 Synaxeis (Workshops), in denen die Delegierten aus 105 Ländern und allen großen Konfessionsfamilien ihre Erfahrungen austauschten. Gemeinsam waren sie auf der Suche nach Konzepten und Visionen für "heilende und versöhnende Gemeinschaften".

Bischof Noack plädiert für neue Missionsstrategien, die neuen Gruppen, vor allem Familien, einen Zugang zur Kirche schaffen. Die Taufe wird dabei zum zentralen Thema: "Wir sind ganz erstaunt über die Resonanz", berichtet er und führt Erfolge in seiner Landeskirche darauf zurück, dass die Taufe eine Erfahrung des Glaubens ist. "Dies ist ein Zugang nicht nur über den Kopf."

Ganz im Sinne der Weltmissionskonferenz, auf der Suche nach "heilenden und versöhnenden Gemeinschaften", gewinnt bei einer Missionsstrategie über die Taufe die jeweilige Kerngemeinde vor Ort entscheidende Bedeutung. "Unsere Gemeinden müssen sich darüber klar sein, dass Mission nur mit Patenschaften, mit konkreter Zuwendung für den einzelnen Menschen gelingen kann", sagt Noack. Das sei in der Praxis vieler Gemeinden ein neuer Schritt, denn der Taufgottesdienst dürfe keine einmalige Veranstaltung bleiben.

"Heilenden und versöhnenden Gemeinschaften mit missionarischer Ausstrahlung" sieht Dietrich Werner, Delegierter der Weltmissionskonferenz aus dem Nordelbischen Missionszentrum in Hamburg und Breklum, neben Kirchengemeinden auch in christlichen Lebensgemeinschaften. Als Beispiel nennt er Ruth Bottoms, Vorsitzende der Weltmissionskonferenz und baptistische Pastorin aus Großbritannien, die in einer kleinen ökumenischen Gemeinschaft im ländlichen Milieu lebt und arbeitet, in der heimatlose Menschen mit Suchtproblemen oder nach einem Zusammenbruch zur Ruhe kommen können. Vergleichbar ist nach Werner die diakonische Basisgemeinschaft "Brot und Rosen" in Hamburg, die Gastfreundschaft für obdachlose Flüchtlinge bietet.

Einen dritten Weg für Mission in Deutschland ist die Herrnhuter Brüdergemeine gegangen. Sie hat nach 266 Jahren Missionsarbeit in weit entfernten Ländern die "erste Missionsstation" in Mitteleuropa eröffnet. Peggy Mihan, ebenfalls Delegierte in Athen, lebt und arbeitet mit ihrem Mann, Pfarrer Volker Mihan, im brandenburgischen Cottbus. "Haltestelle" heißt ihr offenes Haus an einer der Hauptverkehrsstraßen, der Straße der Jugend.

Ihr erstes Jahr in Cottbus, wo nur noch 15 Prozent der Bevölkerung einer christlichen Kirche angehören, verbrachten Peggy und Volker Mihan damit, Kontakte zu knüpfen und zu erkunden, welche Bedürfnisse es in dieser Stadt gibt. Nachdem klar wurde, dass sie keine konkurrierende neue Gemeinde aufbauen wollte, entwickelte sich ein gutes Verhältnis, zu den benachbarten evangelischen, katholischen und freikirchlichen Gemeinden.

Ihr Angebot richtet sich nun vor allem an Kinder und Jugendliche, für die es in der Stadt kaum Anlaufstellen gibt. Freizeiten und Wochenenden mit viel kreativer Arbeit oder Reitausflüge für Mädchen gehören dazu, aber auch ein Bibelkreis für Einsteiger. Alle Angebote sind "niederschwellig", nicht "mit der Bibel ins Haus fallend", aber offen für Fragen und Probleme, mit denen Menschen von der Straße in die "Haltestelle" hereinkommen, die nie von sich aus eine Kirche betreten würden.

Dies sind einige Beispiele für Mission in Deutschland, die auf der Weltmissionskonferenz in Athen zur Sprache kamen. Sie zeigen Ansätze für eine neue Entwicklung in einer Situation, die von "volkskirchlichem Rückbau" und "schmerzhafter Strukturanpassung" geprägt ist. Dietrich Werner ist überzeugt: "Weltweit erleben wir die Realität einer ökumenischen Gemeinschaft wachsender Kirchen." In Lateinamerika, Afrika und Asien nimmt die Zahl der Christen stark zu. Und er fügt hinzu: "Was uns in Deutschland noch fehlt, ist eine eigene Vision von der Möglichkeit immer noch wachsender Kirchen." [693 Wörter]

Friedrich Degenhardt ist Theologe und Journalist (DJV) und arbeitet z.Zt. als Sondervikar der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche (Deutschland) in der Pressestelle des Ökumenischen Rates der Kirchen in Genf.