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09.01.05 12:23 Alter: 7 yrs

"ACK-aktuell"-Interview mit Jacques Matthey

Die neue Ausgabe unserer Informationszeitschrift "ACK-aktuell" (1/2005) enthält ein Interview mit dem Studiensekretär für Mission und Evangelisation im ÖRK, Pfarrer Jacques Matthey (Genf) zur Weltmissionskonferenz in Athen 2005. Den Wortlaut des Interviews finden Sie hier. ACK-aktuell erscheint dreimal im Jahr und informiert über aktuelle Themen und Entwicklungen in den Kirchen der ACK sowie in der deutschen und internationalen Ökumene. Das Abo kostet 15,50 EUR einschl. Versandkosten und kann bei der Ökumenischen Centrale bestellt werden (e-mail: info@ack-oec.de).

FRAGE:
In Athen wird vom 9. bis 16. Mai 2005 die Weltmissionskonferenz stattfinden. Sie steht unter dem Thema "Komm, Heiliger Geist, heile und versöhne - In Christus berufen, heilende und versöhnende Gemeinschaften zu sein". Warum hat man dieses Thema gewählt? Welche Überlegungen und Akzentsetzungen sind damit verbunden?

ANTWORT:
Seit der Wende, die Ende der achtziger Jahre in Europa erfolgt ist und seither die Weltlage immer mehr beeinflusst (Stichwort Globalisierung), ist das Thema der Versöhnung in der missionstheologischen und ökumenischen Diskussion immer stärker in den Vordergrund gerückt. Neue, zunehmend ethnisch, kulturell oder religiös gefärbte Konflikte, lösten die Spannung der früheren ideologischen Blöcke ab. Die Frage des möglichen Zusammenlebens in einer Gesellschaft nach erfolgter Befreiung bzw. nach einem Regimewechsel oder schwerem Konflikt stellt neue Herausforderungen. Klassische ökumenische Ansätze, z.B. der Befreiungstheologie oder der Ethik des militanten Einsatzes für Gerechtigkeit in Solidarität mit den Unterdrückten, mussten also diesbezüglich überarbeitet werden, auf der Grundlage aber des früheren Engagements. Durch die "Dekade zur Überwindung der Gewalt" erhielt zudem die Thematik des Strebens nach Frieden und Versöhnung Priorität als Alternative zu Konflikt, Unterdrückung und Unheil. Es geht also darum, die Konsequenzen zu ziehen für ein zeitgemäßes Verständnis der Mission. Wichtig ist dabei die Beachtung der Bedingungen, unter denen in einem Prozess Schritte zur echten Versöhnung möglich sind. Stichworte dazu sind: Wahrheitssuche, Buße, Gerechtigkeit, Vergebung. Kirchen sind gefragt, die Kommunikationskapazität der Konfliktparteien aufrecht zu erhalten (Brücken bauen) und gegebenenfalls eine Mediatorenrolle zu spielen, ohne aber die im Evangelium verankerte Vorliebe Gottes für die Opfer preiszugeben.

Der Wunsch nach Heilung wird von Menschen in allen Kontinenten geteilt. In den Gesellschaften des sog. "Nordens" sind Kirchen durch die Krise des Gesundheitssystems, der Vermarktung alternativer Methoden, dem Modell des "heilen" und gesunden Menschen und dem Streben nach "holistischem" Heil herausgefordert, den Sinn des Evangeliums neu zu bekräftigen und ihrer Berufung, heilende Gemeinschaften für leidende und Sinn suchende Menschen zu sein, besser gerecht zu werden. Im "Süden" wachsen diejenigen Kirchen und Gemeinschaften am schnellsten, welche körperliche und seelische Heilung "hic et nunc" anbieten und das religiös-kulturelle Weltbild der Menschen ernst nehmen. Eine zeitgemäße Missiologie muss sich dieser Entwicklung stellen und sie interpretieren. Die meisten dieser wachsenden Kirchen sind der charismatischen Bewegung zuzuordnen bzw. von ihr beeinflusst. Selten trifft man aber deren Vertre-terInnen in ökumenischen Konsultationen. Dies muss sich ändern. Auch im "Süden" stellt sich natürlich die Frage der evangeliumsgemäßen Interpretation verschiedenster Heilungsphänomene, und auch der Beziehung zwischen dem religiös-rituellen und wissenschaftlich-medizinischen Ansatz. Es geht dem ÖRK in der Heilungsthematik auch darum, die Erfahrungen seiner früheren Christlich-Medizinischen Kommission (leider Anfang der 90er Jahre abgeschafft) und ihrer Netzwerke für die Missionsarbeit fruchtbar zu machen - und umgekehrt, nicht zuletzt, um die Herausforderung der HIV/AIDS Pandemie für christliche Kirchen und für Missionstheologie ernst zu nehmen.

War Christologie immer im Blickfeld der ökumenischen Missionskonferenzen, kann man dies nicht gleichermaßen von der Pneumatologie behaupten. Nach jahrelanger Konzentration auf Jesus Christus als Modell und Inspirator ökumenischer Ethik und weltoffenem christlichen Lebensstils, versuchte der ÖRK Anfang der neunziger Jahre an seiner Vollversammlung in Canberra die zentrale Bedeutung des Heiligen Geistes für Kirche, Weltdienst und Mission hervorzuheben. In den folgenden Jahren hingegen stand die Pneumatologie nicht mehr im Vordergrund. Die Konferenz in Athen knüpft eigentlich diesbezüglich direkt an Canberra an und versucht so auch, der in der theologischen Diskussion erfolgten neuen Beachtung des Heiligen Geistes Rechnung zu tragen. Die "Triade" Heiliger Geist - Versöhnung - Heilung war jedenfalls bis jetzt nie zentrales Thema einer Weltmissionskonferenz. Dass dies nicht auf Kosten der Christologie geschehen darf, wird durch den zweiten Titel der Konferenz klargestellt.

Ein letztes Wort noch zum Athener Doppeltitel:
Die Bitte um den Heiligen Geist ist ein Bekenntnis zur missio Dei, das unsere menschliche Begrenztheit, das Angewiesensein auf Gott, und unsere Hoffnung ausdrückt. Wir sind nicht imstande, der Welt und den Menschen Versöhnung und Heilung zu bringen. Dies ist letztlich Gottes Werk. Wir wissen uns in Gottes eigenem Handeln eingebettet, anerkennen dies und wissen, dass Heil und Versöhnung Gottes Gnadengabe sind. Die Verantwortung für die Mission liegt nicht bei uns, sondern ist Sache von Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist. In Gott liegt auch die Zukunft der Welt.

Innerhalb dieses Wirken Gottes in der Welt hat aber die Kirche eine zentrale Rolle. Missio Dei und missio ecclesiae müssen miteinander in Beziehung gebracht, und sollen nicht, wie in den sechziger Jahren, gegeneinander ausgespielt werden. Unsere Aufgabe ist es, überall in der Welt, in jedem Kontext, Gemeinschaften aufzubauen, zu vermehren, zu verbessern (reformieren), damit sie Orte werden, in denen Menschen Kenntnis erlangen von Gottes Heilung und Versöhnung, wie sie im Evangelium Jesu Christi gründen, und etwas davon auch konkret erfahren. Dies kann als eine Art ökumenischer Missionsstrategie verstanden werden, in der Evangelisation, Heilungs- und Versöhnungsdienst und Ekklesiologie verbunden sind.

FRAGE:
Die Weltmissionskonferenz ist eine weltweite ökumenische Tagung. Wie sieht das Spektrum der Teilnehmer aus und welche Tagungs- und Programmstruktur ist für Athen geplant?

ANTWORT:Es sind folgende Kategorien von TeilnehmerInnen vorgesehen:Erstens, VertreterInnen der an der Weltmissionskonferenz (englische Abkürzung CWME) angeschlossenen Missions- und Kirchenräte, wie das Evangelische Missionswerk in Deutschland, oder der Schweizerische Evangelische Missionsrat, und aus dem "Süden" die aus früherer Missionsarbeit entstandenen nationalen Kirchenräte. Zu dieser Kategorie der angeschlossenen Einrichtungen gehören auch Missionskongregationen der römisch-katholischen Kirche. Die Mitgliedschaft bei CWME ist nicht durch eine Mitgliedschaft im ÖRK begrenzt.Die zweite - größte - Kategorie von Delegierten kommt aus den Mitgliedskirchen des ÖRK. Die Gesamtzahl der TeilnehmerInnen erlaubt es hingegen nicht, allen Mitgliedskirchen einen Platz einzuräumen.Die dritte Kategorie ist die der "erweiterten Mitgliedschaft". Es werden VertreterInnen der römisch-katholischen Kirche, von evangelikalen Kirchen und Missionsorganisationen, und von Pfingstkirchen erwartet. Sie gelten alle als TeilnehmerInnen mit vollen Rechten.

Wie in jeder Konferenz kommen noch Berater, Gäste, Presse und Stab dazu.

Athen ist ein Versuch, innerhalb der bestehenden Strukturen schon jetzt etwas von der "weiteren Ökumene" zu erleben, wie sie in Diskussion steht und für die Zukunft erhofft wird.

Das Konferenzprogramm baut vorwiegend auf den Erfahrungsaustausch unter TeilnehmerInnen. Entscheidende Bedeutung werden die sog. "home groups" haben, in welchen Delegierte und Berater persönliche (positive wie auch schmerzhafte) Erfahrungen und Betroffenheit teilen können, sowie gemeinsam die Bibel meditieren werden. Sehr wichtig werden auch die nachmittags stattfindenden "synaxeis" (griech. für: Zusammenkommen um ein Thema) sein, Orte der Information, Debatte, Diskussion um Fallbeispiele, zu Fragen von Heilung, Versöhnung und Mission. Verschiedene Aspekte des Themas kommen auch in den Plenarsitzungen zur Sprache, inklusive einer speziellen Veranstaltung zur Mitte der Dekade zur Überwindung der Gewalt. Die Konferenz wurde unter anderem auch vom einem "Komitee für das spirituelle Leben" vorbereitet mit der Absicht, die verschiedenen Elemente von Spiritualität zusammenzuhalten, wie Gebet, Bibelmeditation, pastorale Begleitung der TeilnehmerInnen, Heilungsgottesdienste u. a. mehr. Anders als bei früheren Missionskonferenzen sind für Athen keine Sektionen geplant, in denen Texte vorbereitet und verabschiedet werden müssen. Inhalte von Athen werden die in die Konferenz hineingetragenen Inhalte sein, deren Verarbeitung, sowie die Erfahrung der Menschen, welche hoffentlich durch diese Konferenz ermutigt und persönlich verändert werden.

FRAGE:
Die Weltmissionskonferenz hat in der Vergangenheit an sehr unterschiedlichen Orten stattgefunden. Sie war damit auch immer mit durch den regionalen Kontext geprägt. Dieses Mal wird sie nach langer Zeit wieder einmal in Europa, aber zum ersten Mal in Griechenland und damit in einem überwiegend "orthodoxen Land" stattfinden. Welche ökumenische Bedeutung hat das?

ANTWORT:
Athen als Tagungsort für eine Weltmissionskonferenz zu wählen hat natürlich symbolische Bedeutung. Die orthodoxe Kirche von Griechenland zeigt durch die ausgesprochene Einladung, dass sie dem Dialog mit der Ökumene größeres Gewicht geben will, auch, dass die Frage des Zeugnisses in der griechischen Gesellschaft eine wichtige Fragestellung ist, für welche vielleicht eine Begegnung mit Christen anderer Kirchen nicht unbedeutend sein könnte. Dies ist mit Vorsicht hervorzuheben, da in der Kirche verschiedenste Meinungen zu dieser Frage vertreten werden und die aktuelle Lage der Kirche in Griechenland einige Sorge bereitet.

Von Seiten der Missionsabteilung des ÖRK ist unsere Reise nach Athen eine Anerkennung der Bedeutung der orthodoxen Theologie und Tradition für die jetzt erarbeitete Thematik. Orthodoxe Kirchen und Theologie haben das Missionsverständnis des ÖRK wahrscheinlich mehr beeinflusst als uns und ihnen selbst bewusst ist. Ein detaillierter Vergleich der ökumenischen Erklärung zu Mission und Evangelisation von 1982 mit der vorwiegend von orthodoxen TeilnehmerInnen besetzten Sektion III der Weltmissionskonferenz in Melbourne 1980, sowie auch eine Analyse des Studiendokuments der Kommission für Mission und Evangelisation aus dem Jahre 2000, könnten das belegen.

Wir erhoffen uns von der Begegnung in Athen eine Bereicherung und eine Erweiterung unseres Ansatzes zu Fragen der Pneumatologie, der Heilung und Versöhnung, nicht zuletzt auch zu Fragen um die Ekklesiologie. Die Konferenz in Athen wird nach der Sitzung der Plenarkommission von Glauben und Kirchenverfassung auch ein Testfall sein, wie nun die Entscheide, welche auf Grund der Vorschläge der Sonderkommission für orthodoxe Mitarbeit im ÖRK sich im konkreten Leben einer Konferenz - insbesondere im gottesdienstlichen Leben - auswirken. Schließlich ist Athen natürlich auch der Ort, wo Paulus das Evangelium auf so eindrückliche Art gepredigt hat. Die Schlusszeremonie der Konferenz wird öffentlich sein und auf dem Areopagos stattfinden.

Es ist hervorzuheben, dass die verschiedenen Mitgliedskirchen des ÖRK in Griechenland sich nun regelmäßig im lokalen Vorbereitungskomitee treffen, was für die Ökumene vor Ort ein Hoffnungszeichen ist, das durch "unser" Kommen bewirkt wurde.

FRAGE:
Eine ökumenische Konferenz dauert einige Tage und dann ist sie vorbei. Übrig bleibt eine Fülle von sicher lesenswerten, aber oft nur wenig beachteten Dokumenten und Papieren. Welche Nachwirkungen und Auswirkungen erhoffen Sie sich von der Weltmissionskonferenz in Athen?

ANTWORT:
Konferenzen haben Nachwirkungen, insofern als Menschen verändert werden, welche je in ihren eigenen Kirchen und Missionswerken ihre Berufung neu verstehen und interpretieren. Konferenzen werden auch durch die um sie entstandenen Texte, Artikel und Bücher (bzw. visuelle Informationsträger) "lesbare" Zeichen der in einer bestimmten Geschichtsperiode wichtigen Missionsfragen, Missionstheorien und -strategien. Anders gesagt, Konferenzen sind wie ein Kristallisationspunkt einer jeweilig gültigen Evangeliumsinterpretation. Wie sich dies nachwirkt, hat mit der Motivation und der kirchlichen oder gesellschaftlichen Breitenwirkung der teilnehmenden Menschen zu tun, mit der Qualität und Argumentationskraft der Dokumente und - nicht zuletzt - der Kapazität und dem Willen der Kirchen und Missionswerken, auf die Botschaft zu hören. Wie in der Parabel geschildert, wird um und durch eine Konferenz "gesät". Es lässt sich nicht voraussagen, auf welche "Erde" eine solche Saat fällt, und wie viele Früchte sie tragen wird. Auch in diesem Fall gilt: "Komm, Heiliger Geist….". Nur durch des Geistes Wirkung kann eine ökumenische Konferenz bleibende Bedeutung erhalten.

(Die Fragen stellte Pastor Dr. Klaus Peter Voß, Ökumenische Centrale, Frankfurt/M.)