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Junge Theologinnen und Theologen diskutieren über die Zukunft der Mission
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Heilung, Versöhnung und Heiliger Geist:
Junge Theologinnen und Theologen diskutieren über die Zukunft der Mission



Puleng Lenka Bula - South Africa , Anastasia Vassiliadou - Greece and Bard Knappstaad - Norway.
(c) WCC/Friedrich Degenhardt

von Friedrich Degenhardt (*)

Junge Theologen/innen zur Zukunft der Mission: Gibt es Wunderheilung in der Kirche? Können Menschen wirklich versöhnt werden in einem Land, das so zerrissen ist wie Südafrika durch die Folgen der Apartheid? Kann der Heilige Geist uns zu einem neuen Verständnis von Mission verhelfen? - Diese und weitere Fragen, mit denen sich die bevorstehende Weltmissionskonferenz beschäftigen wird, wurden auf einer Konsultation junger Missionstheologen in Rom diskutiert.

"Da draussen entsteht eine neue Art von Theologie. Sie ist dabei, die Welt zu verändern, und wir sollten das ernst nehmen", erklärte Bard Knappstaad (25) aus Oslo, Norwegen, während er den Blick direkt auf die Kuppel des Petersdoms in Rom, Italien, richtet. Der Petersdom stellt für viele Christen weltweit das wahre Fundament der Kirche dar. Wird diese neue Theologie die Fundamente der Kirche erschüttern?

31 junge Theologinnen und Theologen aus allen Teilen der Welt und allen grösseren Kirchenfamilien kamen vom 19.-25. Januar 2005 in einem römisch-katholischen Missionszentrum am Rande des Vatikans zusammen. Die vom Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) organisierte Konsultation junger Missionstheologinnen und -theologen diente dem Austausch über Fragen, mit denen sich auch die Konferenz für Weltmission und Evangelisation befassen wird, die vom 9.-16. Mai in Athen, Griechenland, stattfindet. Das Thema dieser Weltmissionskonferenz lautet: "Komm, Heiliger Geist, heile und versöhne!"

"In den am schnellsten wachsenden Kirchen der Welt haben Wunderheilungen eine sehr grosse Bedeutung", sagt Knappstaad in seinem Einführungsreferat. Knappstaad ist Mitglied einer "Vineyard"-Kirche, Teil einer Bewegung aus den USA, die sich für Gemeindegründungen einsetzt und evangelikale und pfingstliche Überzeugungen miteinander verbindet. In seinem gerade abgeschlossenen Studium an der Norwegischen Lutherischen Hochschule für Theologie hat er sich intensiv mit Fragen der Wunderheilung.

"Wunderheilungen sind ein vernachlässigtes Thema", betonte er. "Wir müssen sie aber auf die Tagesordnung des ÖRK setzen. Diese charismatische Bewegung findet auch innerhalb der grossen Kirchen statt." Knappstaad ist überzeugt davon, dass alle Kirchen viel von dieser Bewegung lernen können, besonders wenn sie bereit sind, sich mit dem Aspekt der Macht zu beschäftigen, der mit Wunderheilungen verbunden ist. "Werft doch nur mal einen Blick in die Bibel. Jesus hat einen großen Teil seiner Zeit damit verbracht, Menschen zu heilen. Das ist nicht nur symbolisch gemeint."

Für viele Kirchen, die Heilung eher im übertragenen Sinne verstehen und eine stärkere Verbindung zwischen Heilung und Glauben als zwischen Heilung und Macht herstellen, stellt diese Interpretation eine große Herausforderung dar. Aber Knappstaad besteht darauf: "Die Menschen sehnen sich nach Heilung."

"Jede Kirche sollte ihren Mitgliedern eine Möglichkeit bieten, Heilung zu empfangen", erklärte er und forderte die Kirchen auf, aktive Schritte in diese Richtung zu unternehmen: "Wir können Heilung z.B. durch Gebet, christliche Unterweisung, durch Segnung oder Salbung empfangen." Heilungspraktiken sind, so Knappstaad, Teil jeder christlichen Traditionen und können sehr unterschiedliche Formen annehmen. "Es gibt nicht nur eine Art des Heilens, aber es gibt nur einen heilenden Gott."

Knappstaad versucht, mit seinem theologischen Denken eine grosse Kluft zu überbrücken. So bekräftigte er einerseits: "Wir müssen akzeptieren, dass es Wunder gibt. Andernfalls bleibt uns nur eine dualistische Weltanschauung, in der Gott und die Welt auseinander gerissen sind." Er sucht nach einer ganzheitlichen Sicht, die die Trennlinien des modernen westlichen Denkens überwindet und ein Verständnis der spirituellen Welt einschliesst.

Andererseits spricht er eine Frage an, die auch im Heilungsverständnis der traditionellen Theologie eine sehr wichtige Rolle spielt: "Jede Theologie und jede Heilungspraxis muss auch die Menschen positiv einbeziehen, die nicht geheilt werden ", fordert er.

Die Versöhnung in Südafrika ist ein Wunder

"Ich weiss nicht genau, was ich von Wunderheilungen halten soll", meint Puleng Lenka Bula (33), Dozentin für christliche Ethik an der Universität von Südafrika in Pretoria, die ebenfalls an der Konsultation in Rom teilnahm. Lenka Bula stellt die weit verbreitete Annahme in Frage, dass Heilung ein Thema aus den Kirchen des Südens sei. "Ich habe Probleme mit dem charismatischen und pfingstlichen Verständnis, das eine enge Beziehung zwischen Wundern, Heilung und Wohlstand herstellt", betont sie.

"Südafrika versucht, ungeheure Spaltungen zu überwinden." Lenka Bula sprach in Rom über ihre Erfahrungen als schwarze Frau und über ihr kontextuelles Verständnis von Heilung. Es ist eng verbunden mit dem Versöhnungsprozess, der 1994 mit der Abschaffung der Apartheid in Gang gesetzt wurde. "In Südafrika geht es bei Versöhnung um die Wiederherstellung zerbrochener Beziehungen und um neue Beziehungen zwischen Menschen, die sich vorher nicht einmal als Mitmenschen anerkannt haben. - Das ist ein Wunder!"

"Die Arbeit der Wahrheits- und Versöhnungskommission zu verfolgen, hat mir sehr geholfen, ein tieferes Verständnis von Versöhnung zu gewinnen", berichtet sie. "Menschen, die unter einem Trauma litten, weil sie z.B. ihrer Kinder verloren hatten, zeigten eine enorme Bereitschaft, zu vergeben und ihr Leben neu zu beginnen. Dass war für mich eine unglaubliche Erfahrung", erzählt sie. "Diese Menschen haben aus freien Stücken vergeben. Niemand hat sie gedrängt. Sie haben es ganz von sich aus getan."

"Dort gab es einen sicheren Raum, um über die Erfahrungen der Apartheid zu sprechen. In solch einem Raum ist Heilung möglich. Heilung geschieht, wenn Menschen einander zuhören. Heilung geschieht durch Kommunikation", erklärte Lenka Bula. Sie ist überzeugt davon, dass Vergebung nicht notwendigerweise der erste Schritt in diesem Prozess sein muss. "Vergebung muss nicht vor der Versöhnung erfolgen. Aber es muss die Bereitschaft da sein, die Vergangenheit zu überwinden."

Dieses Verständnis von Versöhnung ist jedoch auch in Südafrika höchst umstritten. Ihm gegenüber steht die Forderung nach Verteilungsgerechtigkeit. "Für viele Arme ist es nicht leicht, über Versöhnung zu sprechen", erklärte Lenka Bula. "Versöhnung kann als Sprache der Reichen, Wiedergutmachung hingegen als Sprache der Abhängigen verstanden werden."

"Wir müssen die Menschlichkeit zurückgewinnen", betont Lenka Bula. "Auch das Menschsein der Unterdrücker muss erst wiederhergestellt werden."

Für ein umfassendes und sogar theologisches Verständnis von Versöhnung schlägt sie das afrikanische Konzept von 'Ubuntu' vor. Es bezeichne das Menschsein aller Menschen, so Lenka Bula, und die "Heiligkeit des Anderen". "Aber es muss die ganze Natur mit einbeziehen", fordert Lenka Bula und spricht damit den ökologischen Aspekte von Versöhnung an. "Was für ein Verhältnis haben wir zur Erde?", fragt sie. Lenka Bula spricht sich für eine neue Verhältnisbestimmung aus, in der nicht die Beherrschung der Erde angestrebt wird. "Eine solche Beziehung beruht auf Gegenseitigkeit. Wir sind alle voneinander abhängig."

Der Heilige Geist in der Mission der Kirchen

Doch welche Rolle spielen Heilung und Versöhnung innerhalb des neuen Verständnisses von Mission, das die Weltmissionskonferenz anstreben wird? "Aus der Sicht afrikanischer Frauen stösst die Mission, wie sie die Kirche in der Vergangenheit betrieben hat, an ihre engen Grenzen", erklärte Lenka Bula. "Die Mission in Afrika war sowohl ein Fluch als auch ein Segen." Gesundheitsversorgung und Bildungsarbeit sind wesentliche Elemente des positiven Erbes.

"Jetzt brauchen wir eine neue, post-koloniale Sichtweise. Nicht nur von Norden nach Süden, sondern Norden und Süden müssen zusammenarbeiten." Für Lenka Bula ist Mission ein komplexes Geschehen: "Fangt in eurer eigenen Gemeinde an. Wie lebt die Kirche in der lokalen Gemeinschaft?", fragte sie. "Es geht um die wachsende Glaubwürdigkeit der Guten Nachricht im Alltag der Menschen." Lenka Bula spricht sich für eine "Verständnisvielfalt" aus und meint damit, dass es zahlreiche Wege gibt, Mission zu betreiben.

Einen ganz anderen Zugang zum Verständnis von Versöhnung wählte Anastasia Vassiliadou (26), die gerade ihren Abschluss an der Universität von Thessaloniki, Griechenland, macht. Sie sprach über den Heiligen Geist, ein zentrales Thema der Weltmissionskonferenz in Athen: "Der Heilige Geist ist der Katalysator, der unsere Mission antreibt und lenkt", erläuterte sie den jungen Theologinnen und Theologen in Rom den Beitrag der Orthodoxen zur Arbeit des ÖRK.

"Der Heilige Geist ist Ausdruck unserer Gemeinschaft, koinonia, mit der Heiligen Dreieinigkeit", sagte sie. "Die Kirche lebt durch den Heiligen Geist in der Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn. Der Heilige Geist versöhnt uns mit der ganzen Gottheit."

Aber für Vassiliadou geht es nicht darum, die Trinitätslehre zu predigen. "Es geht darum, das Kommen von Gottes Reich zu predigen", erklärte sie. "Bei der Mission geht es nicht um Moral, um den Kampf gegen das Böse etc. Vielmehr geht es um unser Verständnis von der Kirche. In der orthodoxen Kirche steht die Liturgie, die Eucharistie an erster Stelle. Orthodoxe Mission geschieht durch die Feier des Abendmahls. In der Eucharistie erahnen wir bereits Gottes neue Wirklichkeit."

Die Konsultation junger Missionstheologen/innen in Rom gab einen Vorgeschmack auf die Diskussionen, die voraussichtlich auf der Konferenz in Athen über diese Frage stattfinden werden. "Zwischen der orthodoxen Kirche und der Pfingstbewegung ist eine Versöhnung dringend notwendig", erklärte Anastasia Vassiliadou. "Ich hoffe, dass die Weltmissionskonferenz eine Brücke bauen wird, die den Dialog möglich macht."

"Es ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen: Die orthodoxe Theologie und das orthodoxe Kirchenleben können viel geben", sagt die griechische Studentin. "Aber die Weltmissionskonferenz ist auch ein Startpunkt für Versöhnung unter den Kirchen in Griechenland." Insbesondere die Beziehung zwischen der griechisch-orthodoxen Staatskirche und den Pfingstkirchen ist sehr angespannt.

"Die Weltmissionskonferenz ist auf jeden Fall ein großer Schritt voran", sagt Vassiliadou. "Vielleicht kann das Athener Vorbereitungskomitee mit Vertretern aus fünf verschiedenen Kirchen zum Grundstein für einen Kirchenrat in Griechenland werden." [1398 Wörter]


(*) Friedrich Degenhardt ist Theologe und Journalist (DJV) und arbeitet als Sondervikar der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche (Deutschland) in der Pressestelle des Ökumenischen Rates der Kirchen in Genf.

Kostenlose hochauflösende Fotos finden Sie unter:
http://www.wcc-coe.org/wcc/photo-galleries/meetings/ymc-rome.html


[Über die Weltmissionskonferenz:]

Die Konferenz für Weltmission und Evangelisation (CWME), organisiert vom Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK), ist ein herausragendes internationales Treffen von mehr als 500 Christen aus aller Welt und allen grossen Kirchen und Konfessionen. Auf Einladung der griechisch-orthodoxen Kirche findet es vom 9. - 16. Mai 2005 in Athen, Griechenland, statt.

Hauptziel der Weltmissionskonferenz ist es, Christen und Kirchen einen Raum zu bieten für den Austausch eigener Erfahrungen und die gemeinsame Arbeit an neuen Prioritäten in der Mission und für die Zukunft des christlichen Zeugnisses. Die Konferenz möchte Teilnehmer dazu befähigen, heilsame Gemeinschaften aufzubauen, durch gemeinsame Feier und christliches Zeugnis, durch Versöhnung und Vergebung.
Das Thema der Weltmissionskonferenz "Komm, Heilige Geist, heile und versöhne!" erinnert daran, dass Mission kein Selbstzweck ist, sondern eine Sendung Gottes, gegenwärtig und aktiv durch den Heiligen Geist in Kirche und Welt.

Die Teilnehmer - junge Menschen, Frauen und Männer aus dem Alltag missionarischer Dienste und Verkündigung, führende Persönlichkeiten aus Kirche und Mission, Theologinnen und Missionswissenschaftler - kommen aus ÖRK-Mitgliedskirchen und der römisch-katholischen Kirche ebenso wie aus Pfingstgemeinschaften und evangelikalen Kirchen und Organisationen.

Seit 1910 hat es insgesamt zwölf Weltmissionskonferenzen gegeben. Dieses ist die erste, die in einem vorrangig orthodox geprägten Land stattfindet.
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